Inklusion für alle Schüler – nicht nur während des Distanzunterrichts

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Welche Lektionen haben wir denn nun aus den letzten fünf Monaten gelernt? Die dritte Welle ist vorbei, die Schulen sind wieder weitestgehend offen und alle warten auf die Ferien. Aber was können wir für die Inklusion mitnehmen aus der Zeit der Pandemie? Haben wir neue Ideen und Erfahrungen gesammelt, die uns helfen können, besser mit allen Schüler*innen zu arbeiten? In dem Beitrag werden inklusive Erfahrungen an unserer Schule für die Mittelstufe (Jahrgänge 7-10) zusammengefasst und welchen Einfluss sie auf die zukünftige inklusive Arbeit mit und ohne Pandemie haben können.

Schulisches inklusives (?) Arbeiten in der Pandemie

Es ist nicht so leicht, einen kurzen Überblick zu erstellen. Welche Themen und Erfahrungen waren für uns wichtig. Jede*r hatte eine andere Art des Arbeitens und Umgangs mit den Schüler*innen. Ich denke nicht, dass uns immer ein systematischer Ansatz in diesem Spannungsfeld zwischen den Schüler*innen, ihren Eltern und unseren Kollegen (Klassen- und Fachlehrer*innen) gelang. Neben der Differenzierung für unsere Schüler*innen mit Förderbedarf und auch die Schüler*innen ohne einen Förderbedarf gab es auch eine Reihe anderer Themen, die wichtig waren. Gerade im Distanzlernen haben wir alle unsere Medienkompetenzen (also, alle Personengruppen an der Schule) erweitern müssen. Wichtig war in jedem Fall die Kommunikation miteinander und das Schaffen von oft spontanen Strukturen.

Für uns bildeten sich verschiedene Aspekte unserer Arbeit heraus, die hoffentlich einen längerfristigen positiven Einfluss auf ihr Lernen haben können. Diese werden im Folgenden etwas ausgeführt.

Arbeiten mit den Schüler*innen

Bei uns an der Schule konnten wir während des Distanzunterrichts und des Wechselunterrichts über einen langen Zeitraum sehr intensiv mit den Schüler*innen zusammenarbeiten. In den meisten Fällen kamen die Schüler*innen regelmäßig und fehlten nur selten. Über die Dauer haben sich die Arbeitsbeziehungen verändert. Zu Beginn mussten sowohl die Schüler*innen wie auch wir lernen, wie wir gemeinsam arbeiten aber auch woran. Gerade im Januar stellten wir fest, dass die Tagesstruktur und in welcher Reihenfolge die Menge der Aufgaben erledigt werden kann, eine enorme Hürde für alle Schüler*innen war. Die Erarbeitung von individuellen Wochenplänen mit den Schüler*innen half enorm.

Um die Motivation der Schüler*innen zu verbessern haben wir oft an den Aufgaben der verschiedenen Fächer auf der Onlineplattform gearbeitet. Dadurch gab es keinen „Zeitverlust“ für die Schüler*innen: sie konnten ihre Aufgaben abarbeiten und sich auf die Videokonferenzen vorbereiten. In diesem Rahmen ist es gut möglich am Leseverständnis, dem Aufgabenverständnis, der allgemeinen Sprachförderung und der Sicherung/Wiederholung der Grundlagen beispielsweise in Deutsch oder Mathematik zu arbeiten. Ein positiver Effekt war oft, dass die Schüler*innen so aktiver an den Videokonferenzen und im Wechselunterricht mitarbeiteten (dazu mehr im Absatz zu der Arbeit mit den Kolleg*innen).

Einige Schüler*innen forderten die Arbeit an bestimmten Aufgaben ein. Dies war zum Beispiel Leseverständnis, Strategien zum Schreiben (offline und online), Strategien für die Mathematik, Konzentrationsübungen oder Rechtschreibtraining. Da wir uns flexibel an die Bedarfe anpassten, mussten wir schnell naturwissenschaftliche und gesellschaftswissenschaftliche Fächer abdecken. Diese an den Bedarfen orientierte Individualisierung, spricht die Schüler*innen direkt an.

Die Beziehungen zu den Schüler*innen war ein wichtiges Element und meistens konnte die Einzelförderung ein gutes gegenseitiges Vertrauen schaffen. Gerade während des Distanzlernens ist diese Beziehungsarbeit wichtig, um ihre Tages- und Wochenstrukturen zu stabilisieren. Wir konnten beobachten, wie Schüler*innen zuerst oft unmotiviert zu den Einzelförderungen kamen. Langsam entwickelte sich ein Vertrauen auf beiden Seiten: Die Schüler*innen arbeiteten sicherer und sprachen ihre Schwierigkeiten offen an, sodass sie zielgerichteter lernen konnten. Wir Lehrer*innen erlebten Schüler*innen, die zuverlässig und motiviert lernen. Die Bandbreite hier ist natürlich breit. In der Phase des Wechselunterrichts stellten die Fachlehrer*innen manchmal fest, dass die Schüler*innen sich im Vergleich zum regulären Präsenzunterricht verbessert haben.

Neben den fachlichen Aspekten konnten auch Schüler erreicht werden, die schuldistant sind und herausforderndes Verhalten an der Schule zeigen. Die besondere Einzelsituation erlaubte es, Verhaltensweisen zu adressieren, sodass einige Schüler eine größere Offenheit für die Schule zulassen können.

Es kann festgehalten werden, dass gerade die verlässliche Arbeitsbeziehung zu den Schüler*innen ein wichtiger Faktor ist, um Lernerfolge zu fördern, eine Lernstruktur für die Woche zu schaffen und die Kompetenzen sowie Inhalte der Schule zu stabilisieren. Auch, wenn dies nicht ausschließlich die Hausaufgaben waren konnten Inhalte wiederholt worden und eine Lernmotivation hergestellt werden.

Die Elternarbeit

Der Kontakt zu den Eltern war bei einigen Schüler*innen sehr regelmäßig. Oft gelang es nur durch diesen Kanal, eine regelmäßige Teilnahme an den Einzelförderungen zu erreichen. In unseren Gesprächen mit den Eltern erfuhren wir eine Menge über die Lernbarrieren, mit denen die Schüler*innen zu Hause konfrontiert werden. Dies ist jetzt nichts bahnbrechend Neues. Aber in den Gesprächen stellten wir fest, dass einige Eltern keine genaue Vorstellung davon haben, was Schule leisten kann und wie mit der Schule kommuniziert werden kann. Gerade bei Schüler*innen mit Förderbedarf wurde deutlich, dass die Inhalte der Kommunikation je nach Standpunkt von uns Lehrer*innen und Eltern oft Gespräche erschwerten.

Unsere Schule liegt in einem Viertel mit einer stark heterogenen Bevölkerung, die sich durch eine enorme Vielfalt und sozialen Reichtum an Erfahrungen auszeichnet. Gut, in der alltäglichen Arbeit kommt es oft zu schwierigen Kommunikationen und Reibungen, die von allen Seiten viel Toleranz und Respekt erfordern. Wenn es in diesen Gesprächen um Förderbedarfe oder Schwierigkeiten der Schüler*innen geht, stehen oft die Defizite im Vordergrund. Im Alltag muss viel Energie aufgebracht werden, damit die jeweiligen Standpunkte erklärt werden. Ich habe mich in einzelnen Situationen an meine Examensarbeit über die Kommunikation zwischen Schulen und Familien mit Migrationshintergrund aus dem Jahr 2000 erinnert. Ein Zitat im Ausblick hat auch heute noch eine Relevanz in der schulischen Arbeit.

Damit Migranten in Deutschland das Gefühl haben, sich eine Zukunft aufbauen zu können, müssen aber die mehrheitlich deutsch geprägten Institutionen Angebote machen und Informationen anbieten.“

Lorenzkowski, Stefan (2002): Kommunikation zwischen der Schule für
Geistigbehinderte und Migrantenfamilien. Probleme und Möglichkeiten der Verbesserung der Zusammenarbeit. (unveröffentlichte wissenschaftliche Hausarbeit zur ersten Staatsprüfung. Berlin, S. 94 (Verweis: https://www.inklusive-entwicklung.de/wp-content/uploads/2011/07/Ex_Arbeit_FINAL.pdf)

Hier kann festgehalten werden, dass transparente Informationen über das Schulsystem, die Art unserer schulischen Arbeit und eine leichte Sprache wichtig sind, um die defizitäre Sichtweise von Schüler*innen mit Förderbedarf im deutschen Schulsystem zu überkommen.

Die Arbeit mit den Kolleg*innen

Einzelförderungen können nicht losgelöst vom Schulalltag durchgeführt werden. Oft werden Schüler*innen in Kleingruppen oder Einzelförderungen ausgelagert, da sie im Unterricht nicht mitkommen oder schlichtweg als störend wahrgenommen werden. In der Distanz- aber auch Wechselphase des Unterrichts entstand eine neue Situation: Der Unterricht unterschied sich komplett von dem üblichen Unterricht. Nur in der engen Kommunikation mit den Fachlehrer*innen kann ein regelmäßiger Austausch zu den Inhalten (Stichwort: an welchen Punkten kann ich die Aufgaben entlasten), der Barrierefreiheit (Stichwort: Wie, PDFs können ein ausfüllbares Textfeld haben), des versetzten Unterrichts (Stichwort: Flipped Classroom) und der inhaltlichen Differenzierung (Stichwort: ich schlage dir mal eine andere Aufgabenstellung vor) stattfinden.

Hier kann festgehalten werden, dass kollegiale Fallberatungen und ein kontinuierlicher Austausch über das Lernen der Schüler*innen einen immensen Effekt auf ihre Beteiligung und Teilhabe am Unterricht hat. Oft war dies im regulären Schulalltag nicht so möglich.

Die Organisation in der Schule

Während des Distanz- und Wechselunterrichts wurden bestehende Organisationsformen aufgebrochen und so gehandhabt, dass alle Schüler*innen Angebote zum Lernen erhielten. Die Klassenlehrer*innen gaben uns Informationen weiter, damit wir schnell Schüler*innen einbeziehen konnten und so die Lernbarrieren schnell minimieren konnten. Dies betraf nicht nur Schüler*innen mit Förderbedarf. Diese Reduzierung von Barrieren führte dazu, dass präventiv Lerndefiziten entgegengewirkt werden konnte. Eine Reihe von Schüler*innen kamen nur einige Male und konnten danach einfacher dem Unterricht folgen. Wieso sollten Lehrer*innen nicht so einen Ansatz auch im Präsenzunterricht verfolgen, damit sich Lernerfolge besser einstellen können? Eine administrative Schere, die hier nur Schüler*innen mit Förderbedarf auswählt, führt zum Ausschluss anderer Schüler*innen. Die entsprechenden Ansätze sind aber weiterhin defizitorientiert und erfordern spezifische Abläufe und Verwaltungsprozesse, damit Schulen schnell reagieren können. Dies steht einer inklusiven Schule schlichtweg im Weg.

Hier kann festgehalten werden, dass Schule einfach anders sein muss. Dies ist keine innovative Feststellung und wird gerade in Berlin von der Allianz Schule muss anders von Schüler*innen, Eltern und Lehrer*innen eingefordert.

Ein Fazit

Wir müssen jetzt erst einmal abwarten. Die Inzidenzwerte sind auf einem niedrigen Niveau und die Ferien stehen vor der Tür. Nach dem Sommer und in der nahen Zukunft müssen wir aber die Covid-Lektionen für Schüler*innen mit Förderbedarf an Schulen lernen und auch dazu nutzen, dass Inklusion keine Almosen sind, sondern aktiv entwickelt werden und wir inklusiv denken, um gute Praktiken zu stabilisieren und neue Lernwege finden, die die Lernbarrieren an unseren Schulen beseitigen.