Der Workshop im Dorf

Normalerweise folgen meine Kurzzeiteinsätze für Handicap International immer der Logik, dass die Arbeit mit Organisationen von Menschen mit Behinderung sich in Meeting Räumen oder in Fortbildungen abspielt. Es geht dann um Themen wie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, ihr Monitoring, Gespräche über den Fortgang des Projektes und Ähnliches. Das hat den Vorteil, innerhalb kurzer Zeit viele Gespräche zu führen und eine generelle Einschätzung der Lage von Menschen mit Behinderung in verschiedenen Ländern zu haben. Der Nachteil ist allerdings, der Zeitmangel, direkte Gespräche mit Menschen mit Behinderung zu führen. Ohne diese Gespräche ist es allerdings schwierig, die alltäglichen Probleme, existierenden sozialen sowie physischen Barrieren und die alltäglichen Diskriminierungen zu verstehen.
Bei meinem diesjährigen Besuch in Ruanda fing es zwar wie in den letzten Jahren an, wurde aber viel konkreter: in unserem Büro und einem Trainingsraum in Kigali. Diese ruhige und grüne Stadt liegt mitten in Ruanda und es eben dort rund 1,2 Millionen Menschen. Auf dem Weg in den Distrikt Rutsiro im Westen des Landes führt der Weg durch eine bergigen Landschaft. In den Tälern und an den Bergen fallen die kleinen landwirtschaftlichen Parzellen auf, die von Familien bewirtschaftet werden und zwei Ernten im Jahr zulassen.


Aussicht vom Ort Kongonil

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Armuts- und Reichtumsbericht 2013 lässt ein UN BRK Verständnis von Behinderung vermissen

Das BMAS hat den vierten Armuts- und Reichtumsbericht veröffentlicht, der berechtigterweise von verschiedenen nicht-staatlichen Akteuren, wie dem paritätischem Wohlfahrtsverband wie, stark kritisiert wird.

In Bezug auf den Einfluss von Behinderung auf die Lebenslagen enthält der Bericht eine Reihe von Erwähnungen. Diese betreffen allgemeine Aspekte, den Bereich der Einkommenssicherung und die Aufzählung von bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung. Der Bericht geht im Detail auf die Aspekte Einkommenssituation, schulische Teilhabe, berufsfördernde Maßnahmen und generelle Unterstützungsmechanismen für Menschen mit Behinderung ein. Eine erste Internetschau lässt die Perspektive von Behinderung vermissen.

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Koalitionsvertrag Berlin: „bitte nur etwas Inklusion“

In Berlin regiert nun rot-schwarz. Der Koalitionsvertrag zwischen der CDU und SPD ist fertig und setzt auch Erwartungen für Menschen mit Behinderungen.
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Migration und Behinderung

[Update 2. August 2011]
Die Examensarbeit steht jetzt auch als Datei im epub Format für Ebook Lesegeräte zur Verfügung.
Examensarbeit über die Kommunikation zwischen Migrantenfamilien und der Schule für Schüler mit geistiger Behinderung im epub Format
[Update]

Migranten machen einen wesentlichen Teil der deutschen Bevölkerung aus. Immer wieder wird diese Bevölkerungsgruppe diskriminiert und es wird ihnen der Zugang zu wichtigen Diensten erschwert. Zusätzlich verfestigen Veröffentlichungen von gewissen Politikern die allgemeine Wahrnehmung von Migranten als nicht integrierbar.

Ein Blick in die Berlin Schulstatistiken 2010/2011 zeigt, dass die Zahl von Schülern „nichtdeutscher“ Herkunftssprache in Schulen mit dem Schwerpunkt Lernen im Schuljahr 2010/2011 weiterhin den steigenden Trend belegt. Insgesamt besuchen 27,9% von Schülern mit „nichtdeutscher Herkunftssprache“ die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen und die Schulen mit dem Förderschwerpunkt geistiger Entwicklung 33,2%. Insgesamt macht dieser Personenkreis 31,7% der Berliner Schülerschaft aus.

Das Thema Migration und Behinderung hat immer noch nicht den Stellenwert, den es eigentlich haben müsste. Vor 10 Jahren bereits setzte ich mich in einer Examensarbeit mit diesem Thema auseinander. Auch wenn die Inhalte dieser Arbeit nicht mehr ganz aktuell sind, sind die Feststellungen trotzdem noch gültig:

Wie sich innerhalb des Sommers und Herbstes des Jahres 2000 zeigte, scheint auf der politischen wie auch auf der gesellschaftlichen Ebene keine Klarheit zu bestehen, wie mit Migranten in Deutschland umgegangen werden soll. Die Debatten zur sogenannten „deutschen Leitkultur“, um die gesetzlichen Regelungen zur „Zuwanderung“ oder auch die fremdenfeindlichen Übergriffe verdeutlichen dies. Diese Debatten, die in der deutschen Mehrheitsgesellschaft geführt werden, lassen bei den Migranten Unsicherheiten über ihre Standpunkte und ihre Möglichkeiten in Deutschland entstehen. Diese gesamtgesellschaftlichen Erscheinungen können sich auch auf die gegenseitige Wahrnehmung von Migranteneltern und der Schule für Geistigbehinderte auswirken. Um sich aber nicht hinter diesen Diskursen zu verstecken ist es von beiden Seiten notwendig, aufeinander zuzugehen. Damit Migranten in Deutschland das Gefühl haben, sich eine Zukunft aufbauen zu können, müssen aber die mehrheitlich deutsch geprägten Institutionen Angebote machen und Informationen anbieten.
Für Ansätze einer Zusammenarbeit, die die Bedürfnisse der Migranten mit einbezieht, bietet gerade die Schule für Geistigbehinderte verschiedene Möglichkeiten, im organisatorischen und im persönlichen Bereich, auf die ich im folgenden eingehen werde. Sie orientieren sich an der unmittelbaren Schulkonzeption, die sich an der Lebenswelt der Menschen mit geistiger Behinderung orientiert und ihre Umwelt mit beachtet.

Aufgrund von Anfragen die mich noch erreichen, stelle ich die gesamte Examensarbeit als Download zur Verfügung. Die benutzte Terminologie ist teilweise nicht mehr aktuell.

So long….

Sonderweg aus der Segregation

Die Ausbildung von Menschen mit Lernbehinderungen stellt eine Schwierigkeit in Deutschland dar. Auf Bundesebene wurden eine Reihe von Maßnahmen angestoßen, um hier höhere Zugangszahlen in die betriebliche Ausbildung zu schaffen. Genannt seien nur die Unterstützte Beschäftigung oder die Initiative Job4000. Der Erfolg stellt sich bisher nicht wesentlich ein. Immer noch sind die Zugangszahlen zu Werkstätten für Menschen mit Behinderung und Berufsbildungswerken hoch. Von ca. 1,7 Millionen Auszubildenden hatte nur ein Anteil von 2,8% eine Behinderung (Quelle: Tabellen zum Datenreport 2010).

Ein kleines Projekt in Hannover versucht einen anderen Weg zu gehen. Hier schlossen sich zwei Unternehmen der Gebäudereinigung, ein Großklinikum und eine Großküche zusammen, um lernbehinderten Jugendlichen eine sogenannte theoriereduzierte Ausbildung zu bieten. Die Herausforderung für die Unternehmen war, bei der zuständigen Kammer (Landwirtschaftskammer) die Anforderungen für die Durchführung zu erfüllen und im Anschluss die Auszubildenden von den Agenturen für Arbeit „zu erhalten“. Erst nach langen Gesprächen und Klärungen konnten die Azubis eingestellt werden. Spezielle flankierende Maßnahmen wurden nicht ermöglicht, sondern nur auf die bestehenden Angebote außerbetrieblicher Träger verwiesen. Dies erschwerte die Ausbildung, da alle flankierenden Unterstützungen am Besten am Ausbildungsort durchgeführt werden könnten.

Dieses Beispiel belegt, dass die bestehenden Strukturen in Deutschland auf große Einrichtungen ausgerichtet sind und Unternehmen von den Akteuren in ihnen per se als „schwierig“ wahrgenommen werden. Auch wenn es entsprechende Möglichkeiten in den Sozialgesetzen gibt, werden diese nur in Ausnahmen genutzt.

So long….

Bayern grenzt aus

In der Augsburger Allgemeinen ist ein Artikel über die Vergrößerung der Regens-Wagner-Werkstätten in Dillingen. Die Nachricht ist an sich nicht interessant, weil nichts Neues erzählt wird: Werkstätten für behinderte Menschen wachsen, weil es so ist. Lediglich bei einem Zitat wird mal wieder klar, dass die Ideen der Behindertenrechtskonvention und der Inklusion noch nicht bei der Mehrheit der Bevölkerung angekommen sind:

Da die vorübergehend genutzten Räume den Bedürfnissen der Beschäftigten dauerhaft nicht gerecht werden, sollen nun in einem neuen Werkstattgebäude Gruppenräume und Arbeitsplätze für rund 60 Beschäftigte entstehen.

Dass Werkstätten für behinderte Menschen an sich nicht den Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht werden, weil sie erstens nicht zu ihrer Inklusion beitragen und zweitens gegen den Geist der Behindertenrechtskonvention gehen, kommt den Journalisten nicht in den Sinn. wie wäre es zum Beispiel gewesen, wenn die WfbM dieses Geld in eine neue Struktur investiert hätte, um betriebsintegrierte Arbeitsplätze zu schaffen?

Nebenbei bemerkt, wie hoch sind die Sätze pro Person im Bildungs- oder Arbeitsbereich? Diese sollten zusammen mit dem erwirtschafteten Gewinn von WfbMs eigentlich reichen und nicht noch Zuschüsse von 1,9 Millionen Euro erfordern…

Aber das ist ja in Deutschland nun wirklich nichts Neues.

So long

Die Barrieren in den Köpfen

Am 8. Februar hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Interview zwischen dem Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz und dem Sonderschulleiters (sic!) Thomas Stöppler, der gleichzeitig der Vorsitzende des baden-württembergischen Verbandes Sonderpädagogik e.V. ist, mit dem Titel Das Recht auf Miteinander veröffentlicht. In dem Gespräch geht es um den Sinn und Unsinn von sonderpädagogischen Fördereinrichtungen.
Die Positionen der beiden Gesprächspartner sind von Beginn an deutlich:

  • Herr Preuss-Lausitz, als ein bekannter Verfechter integrativer Ansätze in der Schule, sieht die Sonderschulen als überflüssig an.
  • Herr Stöppler, als Sonderschullehrer und Teil eines Standesverbandes der Sonderpädagogen, sieht in den Sonderschulen als Notwendigkeit für die entsprechende individuelle Förderung an.

Herr Preuss-Lausitz argumentiert, dass bereits die Zuweisung auf die Sonderschulen nicht eindeutig ist. Anhand der Beispiele verschiedener Bundesländer legt er dar, dass die Anteile behinderter Schüler an den einzelnen Schulen auf Verzerrung in der Zuweisung hinweisen.

Herr Stöppler verwies einfach darauf, dass es wichtig ist, für behinderte Schüler innerhalb einer homogenen Gruppe unterrichtet zu werden, da an Regelschulen keine Schüler mit ähnlichen Lebenserfahrungen sind. Wenn seit Jahrzehnten behinderte Schüler an Sonderschulen unterrichtet werden, ist es kein Wunder, dass die Kultur des gemeinsamen Lernens nicht von jetzt auf gleich verwirklicht werden kann. Außerdem geht es auch Schülern ohne Behinderung so, dass sie keine Schüler mit ähnlichen Erfahrungen an der Schule kennen lernen. Dies ist – zum Teil – eine Erfahrung, die zum Leben gehört, auch wenn dies nicht immer angenehm ist.

Zusätzlich scheint er einem Weltbild zu folgen, in dem behinderte Kinder nicht gesund sind: „Diese Schüler kann man nicht alle mit gesunden Kindern so nebenbei im Klassenraum unterrichten!“. Da fragt man sich schon, ob er nicht die Diskussionen der letzten Jahre einfach verpasst hat. Ein behindertes Kind ist nicht krank …. nun es kann krank werden und eine Erkältung bekommen, aber eine Behinderung ist keine Krankheit.

Herrn Stöpplers Argumente gehen immer wieder in die Richtung, dass behinderte Schüler nicht entsprechend an Regelschulen unterrichtet werden können. Dass dies auf eine Schulstruktur zurückgeht, die per se ausgrenzend ist, ein wesentliches Merkmal des dreigliedrigen Schulsystems, scheint ihm nicht klar zu sein. Einerseits redet er über die individuelle Förderung einzelner Schüler, aber andererseits bevorzugt er diese Personengruppe in der Gruppe an Sonderschulen zu unterrichten.

Dieses Interview ist kein besonderes. Die Argumente von beiden Seiten sind altbekannt und eigentlich ist es nicht notwendig, diese zu diskutieren. Aber es ist ein Beispiel, dass alle Argumente beider Seiten prägnant zusammenfasst und allen vor Augen führt.

So long….