Wie gründet man ein Integrationsunternehmen VI: Es geht langsam voran

Die Gründung eines neuen Integrationsunternehmens in Berlin und Brandenburg für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nimmt langsam Form an. An verschiedenen Baustellen findet gerade intensive Arbeit statt, um bis Ende Oktober 2011 das erste wichtige Ziel der Gründung einer Mini GmbH erreicht zu haben:

  • In langen Gesprächen mit einzelnen Vertreter/innen von Bildungs- und Qualifizierungsträgern wurde das Unternehmen vorgestellt. Viele Fragen, wie die Arbeit genau aussehen wird konnten nicht ausreichend beantwortet werden, alleine aus dem Grund, dass diese für Berlin und Brandenburg bisher noch nicht gemacht wurden. Es wird immer deutlicher, dass es sich hier um kein Integrationsunternehmen sondern ein Inklusionsunternehmen handeln wird, dass sozialräumlich angelegt ist und auf den Ebenen Bildung, Wirtschaftsunternehmen, Eingliederung aus den WfbM und als Integrationsunternehmen handeln wird.
  • Es laufen bereits erste Gespräch mit Unternehmen, die interessiert sind Menschen mit Behinderung im Router Ansatz zu beschäftigen. Das hebt den Druck auf die Handlungsfähigkeit und führt zu einem beschleunigtem Vorgehen.
  • Eine der sichtbarsten Überlegungen für das Integrationsunternehmen ist der Name. Er soll einen Bezug zu der Region haben, aber auch der schnittstellenorientierte Ansatz soll herauskommen. Daher wird der zukünftige Name „Berlin Brandenburg Router“, in der Kürze „BB–Router“ sein.
  • In der Gesprächen mit dem Finanzamt liegt gerade die dritte überarbeitete Version zum Gespräch vor. Bis zum Ende dieser Woche wird eine Rückmeldung erwartet.
  • Der für die Gründung notwendige Kontakt zu einem Notar wurde hergestellt und auch die Gespräche mit eventuellen Banken sind gelaufen. Sobald das Finanzamt den Gesellschaftervertrag für gut befindet, ist die Gründung nur eine Formalität.
  • Seit Mai wurden alle wichtigen Gespräche auf Behördenebene geführt, die alle durchweg positiv waren. Klar ist, dass das Unternehmen Mindestanforderungen erfüllen muss, besonders für das Modul integrative Arbeitnehmerüberlassung. Hier sollte idealer Weise der Mindestlohn erreicht werden, der in der einzelnen Branchen gefordert wird.
  • Die Anschubsfinanzierung ist ein großes Thema. Es werden zwei Anträge an Stiftungen gestellt werden, die in den ersten Jahren die Aufnahme der Arbeit ermöglichen werden, bevor sich das Integrationsunternehmen selbst trägt.

Auch wenn die Gesellschaftsform steht wird es dauern, bis die ersten Mitarbeiter qualifiziert oder beschäftigt werden. Eine wichtige Vorbedingung ist eine Finanzierung für die Aktivitäten aber auch die Suche nach geeigneten Mitarbeiter/innen, die das Jobcoaching und auch die Verwaltung mit übernehmen können. Bis diese Schritte erreicht sind, wird es wahrscheinlich Februar oder März 2012 sein.

So long….

Kirgisien: Soziale Unternehmen von Menschen mit Behinderung

Karakol ist eine Stadt im Osten Kirgisiens. Es liegt 10 km östlich vom Issy Kul See, der durch einen Roman von Tschingis Aitmatov (Der weiße Dampfer), in Deutschland bekannt wurde. Karakol mit seinen rund 60.000 Einwohnern liegt in einer landwirtschaftlichen Region und ist in seiner weiteren Umgebung von bis zu 3000 Meter hohen Bergen umgeben.


Büro von Ravenstvo in Karakol/Kirgisien

Die Organisation behinderter Menschen Ravenstvo hat ein kleines Taxiunternehmen in Karakol, in dem Menschen mit Behinderung beschäftigt werden. Neben der Dispatcherin haben einige der Taxifahrer eine Behinderung. Auf die Taxigebühren dieses Unternehmens werden 10% aufgeschlagen. Davon werden Dienste für Menschen mit Behinderung finanziert, die aufgrund ihrer Behinderung starke Mobilitätseinschränkungen haben. Neben einem Fahrdienst begleiten die Taxifahrer Menschen mit Behinderung auch auf Märkte, bei Arztbesuchen und ähnliches.
Taxivermittlung in Karakol

Taxivermittlung in Karakol

Für Menschen mit Behinderung ist es schwierig in Kirgisien eine Arbeit zu finden. Die wirtschaftliche Lage im Land hat sich nach den Ereignissen von 2010 für große Teile der Bevölkerung nicht wesentlich verbessert.

Das Taxi Unternehmen von Ravenstvo geht direkt auf drei schwierige Bereiche für Menschen mit Behinderung in Kirigisien ein:

  • Menschen mit Behinderung erhalten eine Existenzgrundlage. Besonders in einem Land, wo eine reguläres Einkommen für Lehrer unter 60 EUR im Monat beträgt (ca. 3.500,00 kirigisische Som), sind diese Möglichkeiten wichtig um eine Existenzgrundlage überhalb der Armutsgrenze zu haben
  • Fehlende Dienste für Menschen mit Behinderung erhöhen ihre Abhängigkeit von Familienmitgliedern. Das Angebot von Ravenstvo erhöht ihre Unabhängigkeit
  • Menschen mit Behinderung werden sichtbar in der Gesellschaft. Dies spricht direkt die Vorurteile vieler Menschen gegenüber Menschen mit Behinderung an.

Ravenstvo zeigt auf eine schöne und gleichzeitig einfach Weise, dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsleben möglich ist und gleichzeitig andere Menschen ohne Behinderung bereit sind, dies zu unterstützten.

So long…

Zur Umsetzung der UN-Konvention in Berlin

Am 10. Juni 2011 wurde dem Berliner Abgeordnetenhaus eine Information zur Umsetzung der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen konsequent in Berlin umsetzen) zur Kenntnisnahme vorgelegt. Diese Initiative ergibt sich bereits aus der 46. Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 30. April 2009 und einer weiteren Konkretisierung aus der 64. Sitzung des Ausschusses für Integration, Arbeit, berufliche Bildung und Soziales vom 4. November 2011. Am 11. Mai diesen Jahres forderte der Hauptausschuss folgendes:

SenIntArbSoz wird gebeten, dem Hauptausschuss zur Sitzung am 22. Juni 2011 die von den Senatsverwaltungen eingereichten Konkretisierungen mit Umsetzungs- und Handlungsbedarf für den Aktions- und Maßnahmenplan zur Umsetzung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen vorzulegen.

Vorläufige Eckpunkte der Umsetzung der UN-Konvention

Das vorgelegte Dokument unterteilt sich in zwei Teile:

  • Einen allgemeinen Teil mit 10 Schwerpunkten zu Bewusstseinsbildung, Barrierefreiheit, Bildung, Arbeit/Beschäftigung, Beteiligung, Teilhabe, Selbstbestimmung, Gleichbehandlung, Sicherstellung und Überprüfung
  • Einen Aktions- und Maßnahmenplan im Land Berlin

Allgemeiner Teil

Die im allgemeinen Teil umrissenen Punkte bieten Eckpunkt für die Schaffung eines gleichberechtigten Umfeldes und der Barrierefreiheit. Hier findet sich unter anderem das Bekenntnis zur „inklusiven Bildung“ in Berlin, allerdings ohne eine genauere Ausdifferenzierung wer an der Umsetzung teilhaben wird und welche Strukturen angesprochen werden. Für den Punkt Arbeit und Beschäftigung wird gefordert, weitere inklusive Beschäftigungsangebote zu entwickeln, vor allem durch Integrationsprojekte (Integrationsfirmen) für erwerbsgeminderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Leider fehlt auch hier ein struktureller Vorschlag, wie eine langfristige Unterstützung zwischen der WfbM und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen aussehen kann. Ein dritter enorm wichtiger Punkt für viele Menschen mit Behinderung ist die Beteiligung an der Ausarbeitung und Umsetzung von Rechtsvorschriften. Dies ist besonders wichtig in der Eingliederungshilfe (Wohnen und Arbeiten). Hier zieht sich das Papier leider auf eine weiche Formulierung zurück, dass „Menschen mit Behinderung bzw. die sie vertretenden Organisationen aktiv einbezogen“ werden. Einbeziehung ist ein schwammiger Begriff und kann nicht sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen in wichtigen Gremien wie der Berliner Vertragskommission für Soziales (KO75) aktiv beteiligt werden an den Verhandlungen.

Aktions- und Maßnahmenplan

In der Planung fällt positiv auf, dass Aspekte wie Migration, Frauen, Barrierefreiheit, leichte Sprache, Sozialraumorientierung stark betont werden. Das starke Bekenntnis im Bereich „Leistungen der beruflichen und sozialen Rehabilitation“ zu personenzentrierten Ansätzen ist positiv zu werten. Vor allem das Teilziel 9 „Verbesserung in den allgemeinen Arbeitsmarkt“. Dauerhaft ausgelagerte Arbeitsplätze aus WfbMs ist ein wichtiger Weg hinaus aus arbeitsmarktfernen Einrichtungen. Weiterhin ist ein klarer Wille zu NEUEVA zu erkennen. Dies ist ein Ansatz der nutzerorientierten Evaluierung von vor allem Wohndiensten. Eine besondere Überraschung ist der Aktionsplan zu internationaler Zusammenarbeit. Hier stellt der Senat positive Ziele auf, die es verstärkt ermöglichen können, von anderen Ländern zu lernen.

Kurzes Fazit

Das vorliegende Dokument bietet gute Ansatzpunkte, die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu stärken. Einige Punkte sind wichtig und werden betont (Bildung, Migration und Behinderung, Beschäftigung, internationale Zusammenarbeit). Die Kürze des Planes und die allgemeinen Aspekte werden erst bewertet werden können, wenn der Plan umgesetzt wird. Ein wesentlicher Mangel ist, dass nicht in der Beteiligung vom Menschen mit Behinderungen in der Eingliederungshilfe ein stärkerer partizipativer Ansatz gewählt wurde, der sie direkt an den wichtigen Entscheidungen über die Struktur und Ressourcen hier beteiligt. Wie gesagt, „Einbeziehung“ ist sehr allgemein und schwammig. Eine direkte Beteiligung und ein konkretes Bekenntnis, die durch das Sozialgesetzbuch XII geschaffen Strukturen um Menschen mit Behinderung in den Verhandlungen und Entscheidungen zu erweitern, wäre ein innovativer Schritt gewesen, ganz im Sinne der UN-Konvention.

So long…

Wie gründet man ein Integrationsunternehmen I

Beschäftigungsmodelle zur Beschäftigung behinderter Menschen gibt es viele. Dieser Blog hat verschiedentlich darüber aus verschiedenen Perspektiven berichtet. Dieses waren zum Beispiel die WfbMs und allgemeine beschäftigungspolitische Aspekte. Aber das alleinige Schreiben über neue und innovative Ansätze der Beschäftigung schwerbehinderter junger Menschen reicht auch nicht.

Wie wird ein Integrationsunternehmen gegründet?

Es stellte sich die Frage, wie ein Integrationsunternehmen gegründet werden kann, dass sich auf die integrative Arbeitnehmerüberlassung bezieht. Reicht die reine Beschäftigung im Integrationsunternehmen aus? Oder braucht man noch Qualifizierungen im Unternehmen? Und wie kann die iAÜ erklärt werden, ohne dass der Verdacht der Ausnutzung entstehen kann?
In den Erklärungen und Treffen der letzten Monate waren dies wichtige Fragen die aufkamen. Und es wurde immer deutlicher: die iAÜ hat nichts mit der allgemein bekannten Leiharbeit zu tun. Sie ist vielmehr ein Modell, schwerbehinderten Menschen langfristig Unterstützung im Arbeitsleben zukommen zu lassen und gleichzeitig den individuellen und sozialräumlichen Bedingung gerecht zu werden.

Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können. (Artikel 1 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung

Vor diesem Hintergrund ist klar, in welche Richtung das Integrationsunternehmen gehen kann:

  • Anknüpfen am Bedarf der Unternehmen nach qualifizierten Mitarbeitern auch in Nischenbereichen
  • Einen individuellen Rahmen für schwerbehinderte Menschen gestalten, der ihre Fähigkeiten mit den Bedarfen von Unternehmen verbindet
  • Anknüpfen an bestehende Netzwerke

Und vor allem: nicht die Schaffung neuer Produktionsbereiche sondern die Offenheit von Unternehmen nutzen, um mit ihnen qualifizierte Mitarbeiter im Rahmen der iAÜ oder noch treffender: der kooperativen Beschäftigung zu beschäftigen. Und es gibt erfolgreiche Beispiele: das Integrationsunternehmen Füngeling Router.

So long….

[Diese Reihe wird unregelmäßig fortgesetzt]

Neue Ansätze für Integrationsunternehmen

Frau Dr. Seel, die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter hielt auf der Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen einen Vortrag, der für Integrationsunternehmen neue Perspektiven öffnen könnte. Das folgende Zitat fasst die wesentlichen Aspekte zusammen:

Prekäre Arbeitsverhältnisse, Arbeitnehmerüberlassung, Leiharbeitnehmer sind Begriffe, die eher negativ besetzt sind. Bislang fielen gemeinnützige Unternehmen, die im Bereich der integrativen Arbeitnehmerüberlassung tätig waren, nicht unter das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG). Wir unterstützen die Integrationsunternehmen,
die „Arbeitnehmerüberlassung“ als solides Geschäftsfeld betreiben und schwerbehinderten Menschen eine Chance zur Teilhabe bieten und setzen uns für eine Beibehaltung der bisherigen Regelung ein.

Wichtig ist hierbei: Die Arbeitnehmerüberlassung kann neue Möglichkeiten für schwerbehinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bieten, die sonst auf Werkstätten für behinderte Menschen angewiesen wären. Arbeitnehmerüberlassung ist allgemein als Leiharbeit bekannt.

Modell der Arbeitnehmerüberlassung
Modell der Arbeitnehmerüberlassung (Quelle: Wikipedia)

Die klare Erwähnung der integrativen Arbeitnehmerüberlassung gibt Integrationsunternehmen die Möglichkeit, die so oft geforderte Inklusion zu verwirklichen: Menschen mit Behinderungen können so langfristig in Unternehmen beschäftigt werden, in dem Sozialraum der erreicht werden soll, durchaus gemessen an den Realitäten des Arbeitsmarktes. Für Integrationsunternehmen heißt dies eine klarere Schärfung des Aufgabenprofils in Richtung des Arbeitsmarktes. Weiterhin besteht hier nun aber auch die Möglichkeit, Integrationsunternehmen zu entwickeln, die keine eigenen Produktionsstätten vorzuhalten, da die Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt stattfindet.
Wichtig ist bei diesem Ansatz weiterhin, dass Standards eingehalten werden müssen, um schwerbehinderte Menschen nicht in prekäre Arbeitsverhältnisse zu drücken. Dies ist, neben der Geschäftsführung, vor allem Aufgabe der Jobcoaches. Diese müssen einerseits die entsprechenden Fähigkeiten haben, in Unternehmen ihren Weg zu finden, kurz, den „Stallgeruch“ zu haben, damit sie akzeptiert werden können. Darüber hinaus müssen sie aber auch, die Fähigkeit besitzten, Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass sie für alle Seiten positiv sind.

Kurz, es kann endlich spannend werden in diesem Bereich.

So long…

Ausgelagerte WfbM Arbeitsplätze in Integrationsunternehmen

Auf den Seiten der Lebenshilfe Deutschland findet sich ein kleiner Verweis zu Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen zur Förderung von Integrationsprojekten nach §§ 132 ff. SGB IX vom 27.10.2010 zum Verhältnis Integrationsprojekt/-unternehmen nach §§ 132-134 SGB IX zu ausgelagerten Arbeitsplätzen von Mitarbeitern aus WfbM. Interessant ist, dass auf der Seite der Lebenshilfe pauschal geschrieben wird, dass ausgelagerte WfbM Arbeitsplätze in Integrationsfirmen nur noch befristet möglich sind. Ein interessanter Aspekt, aber bei näherem Lesen erscheint dies anders.

Eins nach dem anderen.

Integrationsunternehmen

Integrationsprojekte haben einen Sonderstatus, der es ihnen ermöglicht, nach §134 SGB IX finanzielle Förderung von Integrationsämtern zu erhalten, um schwerbehinderte Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Integrationsunternehmen haben somit eine besondere Rolle in Deutschland und es gibt etliche, die innovative Ansätze gehen (siehe Beitrag in „make it work“). Einige Integrationsunternehmen streben weniger den Aufbau von Produktionsbereichen, als die Beschäftigung in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes an.

Das oben genannte Papier

In dem oben genannten Papier findet sich nun die Stelle, die es vielen Integrationsunternehmen erschwert, intransparent Mitarbeiter aus WfbM zu beschäftigen. Im Hinterkopf behalten müssen sich die Leser bei den folgenden Ausführungen einerseits Artikels 27 „Arbeit und Beschäftigung“ der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, aber auch die Notwendigkeit einer klaren Trennung von Finanzierungsquellen:

Einzelne Arbeitsplätze aus WfbM können in Integrationsprojekten als ausgelagerte Arbeitsplätze geführt werden, wenn die Übernahme dieser WfbM-Beschäftigten in ein reguläres Arbeitsverhältnis beim Integrationsprojekt oder einem sonstigen Arbeitgeber innerhalb eines absehbaren Zeitraums möglich erscheint. Die Förderleistungen nach § 134 SGB IX können zur Finanzierung dieser ausgelagerten WfbM-Arbeitsplätze nicht verwendet werden. (Hervorhebung durch den Autoren) […] Die Finanzierung und Ausgestaltung der ausgelagerten Arbeitsplätze müssen gegenüber dem Integrationsamt jederzeit transparent gemacht werden.(S.3)

Was heißt dieser Absatz?
Erst einmal heißt dieser Absatz nicht, dass es in jedem Falle zu einer Befristung ausgelagerter Arbeitsplätze durch das Integrationsamt kommt. Wesentlich ist die Transparenz der entstehenden Kosten (also wofür die Integrationsämter Integrationsunternehmen fördern) und die Finanzierung der Kosten (kurz der Topf, aus dem die Kosten kommen). Um diese Schwierigkeiten darzustellen, werden im Folgenden zwei Beispiele herangezogen.

Beispiel 1: Wenn eine WfbM also einen Mitarbeiter in ein Integrationsunternehmen entsendet, der Mitarbeiter komplett über dieses bezahlt wird und gleichfalls die Begleitung dort erhält, stellt sich eine Frage. Was ist mit den Entgelten, die die WfbM durch die entsprechenden Kostenträger erhält?
Beispiel 2: Eine WfbM schließt eine Vereinbarung mit einem Integrationsunternehmen über die Beschäftigung eines Mitarbeiters. Die entsprechenden Einsatzorte werden vereinbart und die Kosten durch die WfbM gedeckt. Wenn nun zusätzlich der Mitarbeiter nicht in dem Integrationsunternehmen arbeitet, sondern von dem Integrationsunternehmen in einem weiteren Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes arbeitet und hier zusätzlich die Kostenübernahme durch dieses Unternehmen vertraglich geregelt ist, trifft die Aussage des Papieres der Integrationsämter nicht zu. Keine Befristung.

Fazit

Die Beschäftigung von Mitarbeitern aus WfbM ist eine komplexe Angelegenheit. Trotz allem muss die Transparenz und Wirtschaftlichkeit in allen Aspekten gesichert sein. Und nichts anderes wird durch die Integrationsämter gefordert.

So long…

Mehr Eingliederungshilfe in Deutschland

Eine kleine Pressmitteilung auf den Seiten des deutschen statistischen Bundesamtes über die Steigerungen der Ausgaben in der Eingliederungshilfe in Deutschland bis 2010 wirft eine Reihe interessanter Fragen auf. In Kürze sagt die kleine Nachricht aus, dass die Ausgaben in der Eingliederungshilfe sich seit 1994 verdoppelt haben. Wie genau sich die Ausgaben aufteilen geht aus der Nachricht nicht hervor.

Das Statistische Jahrbuch 2010 lässt einige Rückschlüsse auf die Aufteilung der Gesamtausgaben in der Sozialhilfe (21,96 Milliarden EUR) zu. Auf Seite 220 schlüsseln sich für 2008 die Ausgaben für die Eingliederungshilfe behinderter Menschen (12,45 Milliarden EUR) für den stationären Bereich (10,93 Milliarden EUR) und außerhalb von Einrichtungen (1,51 Milliarden EUR) auf. In den stationären Bereichen werden somit nahezu die Hälfte (49,77 %) der Gesamtausgaben in der Sozialhilfe gebunden, während es außerhalb von Einrichtungen nur 6,88% waren.

An dem Beispiel der Werkstätten für Menschen mit Behinderung wird deutlich, an die 243.000 Menschen in Einrichtungen entweder Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben oder für die Beschäftigung erhielten. Nur für rund 8.000 Menschen wurden Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben außerhalb von Einrichtungen finanziert.

Die aufgeworfenen Fragen beziehen sich nun in erster Linie auf die Umsetzung der BRK in Deutschland:

  • Spiegeln diese Zahlen und deren Entwicklungstendenzen wirklich die Teilhabe am Leben in de Gesellschaft wieder?
  • Wie haben sich die Zahlen seit der Ratifizierung der BRK entwickelt? Lassen diese Zahlen Rückschlüsse auf ein Ernst nehmen der BRK zu?

So long…

OECD Bericht zur Beschäftigung behinderter Menschen

Am 24. November 2010 hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung den Bericht Sickness, Disability and Work: Breaking the Barriers : A Synthesis of Findings across OECD Countries veröffentlicht. Er widmet sich dem Thema der politischen Strategien und Institutionen, die mit den Thematiken Arbeitsmarkt, Behinderung und Unterstützungsdiensten auseinandersetzen.

Zwei Dinge fallen beim Lesen dieses Berichts auf:

  1. Das Fehlen eines Bezuges zur Behindertenrechtskonvention und
  2. die Rolle der Arbeitgeber in dem Prozess der Arbeitsmarktteilhabe behinderter Menschen.

Der erste Punkt ist sicherlich ein „Shortcoming“ dieses Berichtes, da gerade die Behindertenrechtskonvention im Rahmen der Policy-Entwicklung eine wesentliche Rolle spielen muss, vor allem in Ländern, die sie unterschrieben bzw. ratifiziert haben. Sie nimmt staatliche und nichtstaatliche Akteure in die Pflicht, die Rechte behinderter Menschen zu beachten und diese zu gewährleisten.

Der zweite Punkt ist weniger inhaltlich als konzeptionell ein wesentlicher Aspekt, der in vielen rechtlichen aber vor allem pädagogischen Debatten zu selten beachtet wird. Auf Seite 16 des Berichts heißt es:

Employers are key players in the disability benefit system, even if they are not always recognised as such. Too often they are outside the policy process, being viewed as part of
the problem, not part of the solution. […] Not only employers, but also administrations, workers’ representatives and doctors, seem to
lack sufficient knowledge about such workers in order to prevent them from gradually sliding into sickness and, later, disability benefits. To make employers part of the solution will require a number of key changes.

An einer anderen Stelle in der Zusammenfassung fordert der Bericht, mehr auf die Fähigkeiten als auf die Beeinträchtigung behinderter Menschen zu achten. Entsprechend geht der Bericht weiter auf die „Bedürfnisse“ von Arbeitgebern ein:

Employers also need better supports to fulfil their
obligations. For instance, advice on appropriate workplace adjustment and corresponding financial supports should be available easily because employers understandably shy away from cumbersome administrative procedures and contacts. (S. 17)

Diese hier aufgezählten Aspekte, auch wenn sie nicht die zentralen Aussagen des Berichts sind, zeigen ein Problem der Inklusion auf, die rein von einer individuellen Ebene verstanden wird. Die individuelle Förderung behinderter Menschen ist wichtig, führt aber häufig nicht zu dem gewünschten „Erfolg“ der Beschäftigung in einem Unternehmen.
Die Inklusion wird hinein in ein gesellschaftliches Teilsystem gedacht, ohne (zumindest in Deutschland) ausreichend auf die Situation in diesem System „Arbeit“ zu denken. Der Input „individuelle Förderung“ läuft somit Gefahr zu verpuffen. Häufige Outputs in Deutschland ist die Maßnahmenkarriere und Arbeitslosigkeit. Der Impact (also die Wirkung) der Inklusion, oder wenigstens der punktuellen Teilhabe am Arbeitsleben geht gegen Null.
Für eine erfolgreiche Inklusion kann der OECD Bericht so verstanden werden, dass die Perspektive aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Arbeitsleben genauso stark einbezogen werden muss:

  • Welche Unterstützung brauchen Arbeitgeber für die Beschäftigung behinderter Menschen?
  • Was ist der Wert von Arbeit, der über finanzielle Aspekte hinaus geht?
  • Welche Kommunikationsprobleme haben unterstützende Dienste und die Arbeitsmarktverwaltung, die Bedürfnisse der Arbeitgeber zu verstehen?
  • Welche strukturellen Zwischenformen der Beschäftigung fehlen beispielsweise in Deutschland, um die Kluft zwischen den Werkstätten für behinderte Menschen und dem Arbeitsmarkt zu überbrücken?

Hier ist in Deutschland noch Nacharbeit notwendig.

So long….

Integrative Arbeitnehmerüberlassung

Die Arbeitnehmerüberlassung, besser bekannt als Leiharbeit, hat keinen guten Ruf in Deutschland. Beispiele wie die Strategie der Drogeriekette Schlecker schafften es bis in die Schlagzeilen der deutschen Medien und zeichneten ein Bild der Ausbeutung und Geringbezahlung. Und nun kommt das Magazin Menschen, der Aktion Mensch, in seiner Ausgabe 4.2010 mit einem Artikel An die Arbeit daher und behauptet schlicht das Gegenteil. Der Artikel beschreibt unter anderem das Kölner Unternehmen Füngeling Router gGmbH und den Ansatz der integrativen Arbeitnehmerüberlassung.

Teufelszeug sagen viele. Nein, eben nicht, wenn die feinen Unterschiede stimmen.

Das Integrationsunternehmen Füngeling Router unterscheidet sich von den klassischen Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Es hat keine Betriebsstätten und großen Immobilien sondern arbeitet in rund 70 Unternehmen in und um Köln. Um die 40 Mitarbeiter/innen mit Lernbehinderungen werden durch das Konstrukt integrative Arbeitnehmerüberlassung beschäftigt. Die Arbeitstrainer von Füngeling Router begleiten sie in den Unternehmen und geben den behinderten Mitarbeiter/innen wie auch den Kollegen ohne Behinderung Hilfestellungen. Die Orientierung am Sozialraum ist eindeutig. Alle diese Dinge sind nicht anders als beispielsweise die Arbeitsassistenz in Hamburg. Der Unterschied liegt im Detail: die Unternehmen beteiligen sich an den Kosten der Maßnahme und zahlen die Löhne für die behinderten Mitarbeiter/innen.

Unmöglich sagen viele Einrichtungen bisher, Unternehmen wollen keine behinderten Menschen einstellen.

Dem ist nicht so. Unternehmen sind auf der Suche nach Mitarbeiter/innen in langfristigen Arbeitsverhältnissen. Eine Beteiligung an den Kosten der Einarbeitung schafft somit von Beginn an eine höhere Bindung des Unternehmens an die Mitarbeiter/innen, auch wenn sie behindert sind.
Abseits der allgemeinen Sozialpolitikmäkelei präsentiert das Magazin Menschen hier einen spannenden Artikel über die Beschäftigung behinderter Menschen, der die Mittel der Arbeitsmarktpolitik nutzt. Die integrative Arbeitnehmerüberlassung schließt die Lücke der Sozialgesetzbücher zwischen der Beschäftigung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Gleichzeitig weist sie auf die Mängel und den Unwillen der Akteure im Bereich Beschäftigung für behinderte Menschen hin, die mit den gegebenen Strukturen zufrieden sind und sich darin sehr gut eingerichtet haben.

So long….