Alter Autor neu gelesen

Michel Foucault ist bekannt für seine philosophischen Aufsätze und Bücher. Sein Blick auf den Wahnsinn ist für die Auseinandersetzung mit geistiger Behinderung, intellektueller Behinderung oder, wie die Vertreter von People First sich am ehesten beschreiben würden, Lernschwierigkeiten. In Foucaults Buch „Die Ordnung des Diskurses“, seiner Inauguralvorlesung, geht es auch um dieses Thema. er beschreibt die Diskurse und wie sie bestimmt werden. In drei Bereichen sieht er eine Ausschließung:

  1. Sexualtität,
  2. Politik und
  3. Wahnsinn

Den Wahnsinn sieht er als eine Grenzziehung in unserer Gesellschaft. In Bezug auf den Wahnsinnigen sagt er

sein Wort gilt für null und nichtig, es hat weder Wahrheit noch Bedeutung, kann vor Gericht nichts bezeugen (Foucault, M.: Die ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main, 2007

Viel mehr ist dem nicht hinzuzufügen. Vielleicht noch, dass dieser Satz heute immer noch Bedeutung hat in Bezug auf Menschen mit Lernschwierigkeiten. Und vielleicht auch über diesen Personenkreis hinaus.

So long…

Seminare für inklusive Entwicklung

In der allgemeinen Entwicklungszusammenarbeit finden sich auch heute nur sehr selten inklusive Initiativen, die darauf abzielen, die darauf abzielen inklusive Strukturen und Ansätze zu fördern. Sie werden hauptsächliche durch gesonderte Projekte adressiert oder durch spezielle Organisationen. Eine der wesentlichen Schwierigkeiten ist, dass viele Organisationen und Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit sich an die Thematik nicht heran trauen, da es ihnen an grundlegendem Wissen fehlt.
bezev (Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.) möchte diesen Mangel durch eine Reihe von Seminaren mindern. Diese Seminare wurden im Kontext der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung konzipiert. Sie finden im Juli und September erstmalig statt und richten sich speziell an MitarbeiterInnen der Entwicklungszusammenarbeit. Auch interessierte Einzelpersonen sind eingeladen, daran teilzunehmen.
In der Rundmail vom 4. Juni 2010 stellt der Verein fest:

Die Umsetzung der UN-Konvention kann nicht von den wenigen Fachorganisationen geleistet werden, die in diesem Bereich tätig sind. Inklusion ist eine gemeinsame Aufgabe aller Akteure der Entwicklungszusammenarbeit, da Menschen mit Behinderung Teil aller Zielgruppen der Armutsbekämpfung sind. Man muss kein/e ExpertIn sein, um Projekte für Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen.

Die beiden Termine für diese Fortbildungen sind am:

  • 2. Juli 2010: Menschenrechte und inklusive Entwicklung. In diesem Seminar wird ein Überblick gegeben über die wesentlichen Leitlinien einer menschenrechtlich orientierten Entwicklungszusammenarbeit.
  • 24. September 2010: Einführung in die inklusive Projektplanung. Dieses Seminar spricht vor allem Planerinnen und Planer von Projekten und Programmen an, die behinderte Menschen einbeziehen möchten.

Beide Seminare finden in der Jugendherberge Köln-Riehl statt, die barrierefreie Seminarräume anbietet und parallel dazu auf betriebsintegrierten Arbeitsplätzen Beschäftigten aus Werkstätten für behinderte Menschen anbietet. Diese werden durch das Kölner Integrationsunternehmen gemeinnützige Füngeling Router GmbH begleitet. Durchgeführt werden die Seminare von Mareike Büberl (bezev) und Stefan Lorenzkowski (dem Verantwortlichen für dieses Blog).
Weitere Informationen finden Sie im Flyer über die Seminare für eine inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Anmelden können Sie sich mit dem Anmeldeformular für dieses Seminar. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des bezev.
In Zukunft wollen wir weitere Module für diese Fortbildung entwickeln, die in erster Linie auf die internationale Entwicklungszusammenarbeit ausgerichtet sind. Langfristig ist die Idee, solche Seminare für die Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland anzubieten auch nicht unattraktiv.

Update 6. Juni 2010: Auf der Internetseite von Stefan Lorenzkowski finden Sie weitere Informationen zu diesen Fortbildungen.

So long….

Bayern will sich Menschenrechte behinderter Menschen sparen

Der Bayerische Gemeindetag, Bayerische Städtetag und Bayerische Landkreistag haben in einem gemeinsamen Brief umfangreiche Einsparvorschläge präsentiert, die detailliert auf Einsparungen im Bereich der Eingliederungshilfe, aber auch in anderen Bereichen (Pflege, Kinderbetreuung etc.) abzielen. Diese Vorschläge wurden aufgrund einer Bitte des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) erarbeitet. Auch wenn diese Vorschläge bisher nur Bayern betreffen, ist zu vermuten, dass auch andere Bundesländer diese Ideen aufgreifen werden. Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund präsentiert Ideen in diese Richtung. Der hessische Ministerpräsident Koch forderte bereits nach den Landtagswahlen in Nord-Rhein-Westfalen stärkere Sparschritte im sozialen und Bildungsbereich. Drei Vorschläge und Forderungen aus dem bayerischen Papier sind:

  • Einschränkung des Wunsch- und Wahlrechts in der Jugend- und Eingliederungshilfe durch den Bund;
  • Bevorzugung von Zeibettzimmern in Pflegeeinrichtungen für Sozialhilfeempfänger durch den Bund;
  • Eingrenzung der Dokumentationspflichten in der Pflege, da bis zu 30% der Arbeitszeit von Pflegekräften gebunden wird.

Diese Vorschläge haben eine doppelt schlimme Wirkung auf behinderte Menschen. An erster Stelle fällt die dreiste bayerische Forderung auf, die Grund- und Menschenrechte behinderter Menschen zu verletzen, mit dem schlichten Argument: Das ist zu teuer! Zweitens werden unverblümt Schritte gefordert, die die Qualität der Dienste, auf die gerade schwerst- und mehrfach behinderte Menschen angewiesen sind, höchstwahrscheinlich einschränken werden.

Erschreckend ist vor allem, dass diese Entwicklungen von der Presse bisher kaum beachtet wurden, abgesehen von Roland Kochs Äußerungen. 2008 umfassten die Nettoausgaben von 11,2 Milliarden EURO für die Eingliederungshilfe behinderter Menschen in Deutschland (Deutscher Städtetag 2010, S. 19) gerade einmal 7,5% der Summe von 148 Milliarden EURO, die am heutigen Freitag (20. Mai 2010) durch den Bundestag abgesegneten wurde.

Wie sich die Sparvorschläge entwickeln werden ist fraglich. Gute Prognosen gibt es wahrscheinlich nicht. Wenn schon in dieser Phase schwerwiegende menschenrechtliche Einschnitte diskutiert werden, wird deutlich, dass der Wind noch kälter werden wird.

So long….

Selbstbetrachtung nichtbehinderter Menschen

Der Tagesspiegel vom 17. April enthielt einen spannenden Artikel zu dem eigentlichen Problem Behinderung. Es ist ein Artikel einer nicht-behinderten Person, Elisabeth Wagner, und reflektiert kurz über die geschichtlichen Entwicklungen und vor allem den Umgang von uns – nicht-behinderten Menschen – mit behinderten Menschen.

So long….

Die Barrieren in den Köpfen

Am 8. Februar hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Interview zwischen dem Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz und dem Sonderschulleiters (sic!) Thomas Stöppler, der gleichzeitig der Vorsitzende des baden-württembergischen Verbandes Sonderpädagogik e.V. ist, mit dem Titel Das Recht auf Miteinander veröffentlicht. In dem Gespräch geht es um den Sinn und Unsinn von sonderpädagogischen Fördereinrichtungen.
Die Positionen der beiden Gesprächspartner sind von Beginn an deutlich:

  • Herr Preuss-Lausitz, als ein bekannter Verfechter integrativer Ansätze in der Schule, sieht die Sonderschulen als überflüssig an.
  • Herr Stöppler, als Sonderschullehrer und Teil eines Standesverbandes der Sonderpädagogen, sieht in den Sonderschulen als Notwendigkeit für die entsprechende individuelle Förderung an.

Herr Preuss-Lausitz argumentiert, dass bereits die Zuweisung auf die Sonderschulen nicht eindeutig ist. Anhand der Beispiele verschiedener Bundesländer legt er dar, dass die Anteile behinderter Schüler an den einzelnen Schulen auf Verzerrung in der Zuweisung hinweisen.

Herr Stöppler verwies einfach darauf, dass es wichtig ist, für behinderte Schüler innerhalb einer homogenen Gruppe unterrichtet zu werden, da an Regelschulen keine Schüler mit ähnlichen Lebenserfahrungen sind. Wenn seit Jahrzehnten behinderte Schüler an Sonderschulen unterrichtet werden, ist es kein Wunder, dass die Kultur des gemeinsamen Lernens nicht von jetzt auf gleich verwirklicht werden kann. Außerdem geht es auch Schülern ohne Behinderung so, dass sie keine Schüler mit ähnlichen Erfahrungen an der Schule kennen lernen. Dies ist – zum Teil – eine Erfahrung, die zum Leben gehört, auch wenn dies nicht immer angenehm ist.

Zusätzlich scheint er einem Weltbild zu folgen, in dem behinderte Kinder nicht gesund sind: „Diese Schüler kann man nicht alle mit gesunden Kindern so nebenbei im Klassenraum unterrichten!“. Da fragt man sich schon, ob er nicht die Diskussionen der letzten Jahre einfach verpasst hat. Ein behindertes Kind ist nicht krank …. nun es kann krank werden und eine Erkältung bekommen, aber eine Behinderung ist keine Krankheit.

Herrn Stöpplers Argumente gehen immer wieder in die Richtung, dass behinderte Schüler nicht entsprechend an Regelschulen unterrichtet werden können. Dass dies auf eine Schulstruktur zurückgeht, die per se ausgrenzend ist, ein wesentliches Merkmal des dreigliedrigen Schulsystems, scheint ihm nicht klar zu sein. Einerseits redet er über die individuelle Förderung einzelner Schüler, aber andererseits bevorzugt er diese Personengruppe in der Gruppe an Sonderschulen zu unterrichten.

Dieses Interview ist kein besonderes. Die Argumente von beiden Seiten sind altbekannt und eigentlich ist es nicht notwendig, diese zu diskutieren. Aber es ist ein Beispiel, dass alle Argumente beider Seiten prägnant zusammenfasst und allen vor Augen führt.

So long….

Alles anders herum

Die Britische „Disability Rights Commission“ haben einen Spot auf Youtube, der auf drastische Art zeigt, wie sich Diskriminierung anfühlt.

Ein belgischer Spot

Dieser Spot auf Youtube stammt von einem belgischen Verein, der für die Teilhabe von behinderten Menschen  eintritt. Im Grunde genommen seht ihr in dem Spot einen Mann, der im Restaurant über Frauen herzieht und sehr sexistisch ist. Am Ende ändert sich die Kameraperspektive und ihr seht, dass der Mann in einem Rollstuhl sitzt. Die Stimme aus dem Off sagt: „Dieser Mann ist behindert. Aber vor allem ist er ein Arschloch. Behinderte Männer und Frauen sind Menschen wie alle anderen“.

A Parking Space named Desire aus Mazedonien

In meinem Job bei Handicap International war ich in Kontakt mit der mazedonischen Organisation Polio Plus, die sich vor allem im Bereich Sensibilisierung gute Kampagnen hatten, die allerdings recht heftig sind. Der folgende Spot ist ein schönes Beispiel:

Förderschulen sind zu teuer und geben wenig Perspektiven

Irgendwie war es ja klar. Förderschulen sind teuer und sie geben den Schüler/innen wenig Perspektiven im weiteren Leben.  Das sagt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Auf der Internetseite heißt es: “Je länger ein Schüler eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen besucht, desto ungünstiger entwickeln sich seine Leistungen.” Das überrascht nicht. In meiner Arbeit mit jungen lernbehinderten Menschen auf dem Weg ins Berufsleben ist klar, dass diejenigen, die aus einer Sonderschule kommen sich schlechter an den Arbeitsmarkt gewöhnen können.

Ich werde mir den Bericht in Ruhe durchlesen müssen, um zu sehen in wie weit die Schulstrukturen und auch die Sonderschullehrer selbst an diesem Zustand ihren Anteil haben. Aber nach dem ersten Durchblick scheint der Bericht sehr lesenswert zu sein.