Bayern grenzt aus

In der Augsburger Allgemeinen ist ein Artikel über die Vergrößerung der Regens-Wagner-Werkstätten in Dillingen. Die Nachricht ist an sich nicht interessant, weil nichts Neues erzählt wird: Werkstätten für behinderte Menschen wachsen, weil es so ist. Lediglich bei einem Zitat wird mal wieder klar, dass die Ideen der Behindertenrechtskonvention und der Inklusion noch nicht bei der Mehrheit der Bevölkerung angekommen sind:

Da die vorübergehend genutzten Räume den Bedürfnissen der Beschäftigten dauerhaft nicht gerecht werden, sollen nun in einem neuen Werkstattgebäude Gruppenräume und Arbeitsplätze für rund 60 Beschäftigte entstehen.

Dass Werkstätten für behinderte Menschen an sich nicht den Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht werden, weil sie erstens nicht zu ihrer Inklusion beitragen und zweitens gegen den Geist der Behindertenrechtskonvention gehen, kommt den Journalisten nicht in den Sinn. wie wäre es zum Beispiel gewesen, wenn die WfbM dieses Geld in eine neue Struktur investiert hätte, um betriebsintegrierte Arbeitsplätze zu schaffen?

Nebenbei bemerkt, wie hoch sind die Sätze pro Person im Bildungs- oder Arbeitsbereich? Diese sollten zusammen mit dem erwirtschafteten Gewinn von WfbMs eigentlich reichen und nicht noch Zuschüsse von 1,9 Millionen Euro erfordern…

Aber das ist ja in Deutschland nun wirklich nichts Neues.

So long

Die Barrieren in den Köpfen

Am 8. Februar hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Interview zwischen dem Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz und dem Sonderschulleiters (sic!) Thomas Stöppler, der gleichzeitig der Vorsitzende des baden-württembergischen Verbandes Sonderpädagogik e.V. ist, mit dem Titel Das Recht auf Miteinander veröffentlicht. In dem Gespräch geht es um den Sinn und Unsinn von sonderpädagogischen Fördereinrichtungen.
Die Positionen der beiden Gesprächspartner sind von Beginn an deutlich:

  • Herr Preuss-Lausitz, als ein bekannter Verfechter integrativer Ansätze in der Schule, sieht die Sonderschulen als überflüssig an.
  • Herr Stöppler, als Sonderschullehrer und Teil eines Standesverbandes der Sonderpädagogen, sieht in den Sonderschulen als Notwendigkeit für die entsprechende individuelle Förderung an.

Herr Preuss-Lausitz argumentiert, dass bereits die Zuweisung auf die Sonderschulen nicht eindeutig ist. Anhand der Beispiele verschiedener Bundesländer legt er dar, dass die Anteile behinderter Schüler an den einzelnen Schulen auf Verzerrung in der Zuweisung hinweisen.

Herr Stöppler verwies einfach darauf, dass es wichtig ist, für behinderte Schüler innerhalb einer homogenen Gruppe unterrichtet zu werden, da an Regelschulen keine Schüler mit ähnlichen Lebenserfahrungen sind. Wenn seit Jahrzehnten behinderte Schüler an Sonderschulen unterrichtet werden, ist es kein Wunder, dass die Kultur des gemeinsamen Lernens nicht von jetzt auf gleich verwirklicht werden kann. Außerdem geht es auch Schülern ohne Behinderung so, dass sie keine Schüler mit ähnlichen Erfahrungen an der Schule kennen lernen. Dies ist – zum Teil – eine Erfahrung, die zum Leben gehört, auch wenn dies nicht immer angenehm ist.

Zusätzlich scheint er einem Weltbild zu folgen, in dem behinderte Kinder nicht gesund sind: „Diese Schüler kann man nicht alle mit gesunden Kindern so nebenbei im Klassenraum unterrichten!“. Da fragt man sich schon, ob er nicht die Diskussionen der letzten Jahre einfach verpasst hat. Ein behindertes Kind ist nicht krank …. nun es kann krank werden und eine Erkältung bekommen, aber eine Behinderung ist keine Krankheit.

Herrn Stöpplers Argumente gehen immer wieder in die Richtung, dass behinderte Schüler nicht entsprechend an Regelschulen unterrichtet werden können. Dass dies auf eine Schulstruktur zurückgeht, die per se ausgrenzend ist, ein wesentliches Merkmal des dreigliedrigen Schulsystems, scheint ihm nicht klar zu sein. Einerseits redet er über die individuelle Förderung einzelner Schüler, aber andererseits bevorzugt er diese Personengruppe in der Gruppe an Sonderschulen zu unterrichten.

Dieses Interview ist kein besonderes. Die Argumente von beiden Seiten sind altbekannt und eigentlich ist es nicht notwendig, diese zu diskutieren. Aber es ist ein Beispiel, dass alle Argumente beider Seiten prägnant zusammenfasst und allen vor Augen führt.

So long….

Ein belgischer Spot

Dieser Spot auf Youtube stammt von einem belgischen Verein, der für die Teilhabe von behinderten Menschen  eintritt. Im Grunde genommen seht ihr in dem Spot einen Mann, der im Restaurant über Frauen herzieht und sehr sexistisch ist. Am Ende ändert sich die Kameraperspektive und ihr seht, dass der Mann in einem Rollstuhl sitzt. Die Stimme aus dem Off sagt: „Dieser Mann ist behindert. Aber vor allem ist er ein Arschloch. Behinderte Männer und Frauen sind Menschen wie alle anderen“.

Grand Corps Malade im Konzert

Wie schreibt man nun bloß über diesen Musiker Grand Corps Malade? Er hatte seinen Auftritt am 26. Januar im Berliner Admiralspalast, zusammen mit dem deutschen Slamer Bas Bötcher. Grand Corps trat mit vier Musikern auf, die eine jazzige und tanzbare Musik.

Seine Texte, vorgetragen durch seine Bass Stimme, haben Inhalt: die Liebe, seinen Stadt Teil St. Denis, das Bildungswesen in Frankreich oder „seinen Kopf, sein Herz und seine Eier“. Der Saal war voll mit Schülern der verschiedenen Europa Schulen mit französischer Ausrichtung und natürlich den dazu gehörigen Lehrern. Die Intensität seiner Texte und Melodien erinnern an alte Chansons mit einer neuen Perspektive. Sein Song „Midi 20“ berührt. Er beschreibt sein Leben, wie es sich in einem Tag darstellen lässt. Oder der Sprech Gesang über „Pere et Mere“ zeigen einen Sprachwitz, der zwar nicht leicht verständlich ist, wenn Französisch nicht die Muttersprache ist.

Was bleibt nach dem Konzert dieses Künstlers, der in Frankreich in den Top 10 ist? Auf jeden Fall ein wunderbarer Abend! Dass Grand Corps immer mit Krücke auf der Bühne ist und seit mehr als 10 Jahren querschnittsgelähmt ist, fällt nicht auf. Er passt nicht in das Bild behinderter Menschen, das in unseren Köpfen existiert. Aber auch das nimmt er auf in seinen Liedern: es ist halt in unseren Köpfen und wird erst durch sie zu einer Behinderung.

So long…

A Parking Space named Desire aus Mazedonien

In meinem Job bei Handicap International war ich in Kontakt mit der mazedonischen Organisation Polio Plus, die sich vor allem im Bereich Sensibilisierung gute Kampagnen hatten, die allerdings recht heftig sind. Der folgende Spot ist ein schönes Beispiel:

Sonderschulen vor dem Aus?

Die Behindertenrechtskonvention fängt an Wirkung zu zeigen. Zuerst gibt es in den Mainstreammedien mehr und mehr Beiträge über das Thema Behinderung, vor allem fiel mir das in der Zeit und dem Spiegel auf. Und dann werden die Beiträge immer pointierter und greifen endlich die Themen an, die wichtig sind, wie dieser Artikel auf Spiegel Online über Sonderschulen zeigt.

Behindertenbericht der Bundesregierung

Der Behindertenbericht 2009 der Bundesregierung wurde am 15.7.2009 veröffentlicht und unternimmt den Versuch, die Lage behinderter Menschen darzustellen. Im Vergleich zu vorherigen Berichten fällt eine Knappheit auf und der überwiegende Blick auf Initiativen, die während der letzten Jahre unternommen wurden. Interessant ist der Blick auf die VN Behindertenkonvention und das AGG. Dies kann aber nicht über wesentliche Schwächen des Berichtes hinweg täuschen, von denen hier drei Bereiche schlaglichtartig angerissen werden.

(1)Der Bericht ist wenig konkret in Bezug auf harte Daten. Das Kapitel Bildung bringt durchaus harte Daten in Bezug auf Arten der Beeinträchtigung. Relevante Schlüsse werden hier allerdings nicht gezogen, außer des Selbst-bashings der Bundesregierung, die Selbstvertreterverbänden recht gibt. Gerade die größte Gruppe von Schüler/innen mit dem Schwerpunkt wird nicht weiter thematisiert, obwohl dies relevant wäre in Hinblick auf Hintergründe dieser Personengruppen. Wie sehen die Anteile von Menschen mit Beeinträchtigungen aus, die einen Migrationshintergrund haben oder deren Familien verstärkt vom Arbeitslosengeld II abhängig sind? An dieser Stelle würden vermutlich tiefer gehende strukturelle Verwerfungen in Deutschland zu Tage treten.
(2)Die Schlussfolgerungen zu Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind sehr knapp und wenig hilfreich. Es wird nicht darauf eingegangen, welche strukturellen Mängel hier vorliegen. Die WfbMs können sich einerseits eine starke Lobbymaschine gönnen, die auf verschiedenen Ebenen aktiv werden kann. Zweitens haben viele WfbMs eine Größe erreicht, die reguläre Förderung zum alleinigen strukturellen Überleben benötigt. Ein kleiner Rechen versuch. Die WfbMs haben 2007 275.492 Mitarbeiter/innen mit Behinderung. Gehen wir davon aus, dass im berufsbildenden Bereich 30.000 Menschen mit Beeinträchtigungen begleitet werden. Das sind bei einem Betreuungsschlüssel 1:6 direkt begleitende Mitarbeiter. Für die restlichen 245.492 Mitarbeiter/innen nehmen wir den Schlüssel 1:12. Wir kommen im Bildungsbereich auf 5.000 und im Arbeitsbereich auf ca. 20.458 Mitarbeiter/innen in der Begleitung. Vergessen wir nicht den Schlüssel 1:120 für den sozialen Dienst (ca. 2296) dann sind wir bei pädagogischem Personal von 25.754, auch ohne den administrativen Überbau eine beachtliche Zahl, die sich mit dem gefährdeten Autobauer Opel verglichen werden kann.
(3)Der Bericht geht nicht auf die unterschiedlichen Definitionen von Beeinträchtigung und Behinderung ein, die im pädagogischen, beruflichen, medizinischem und statistischen Bereich genutzt werden. Dies wäre erhellend, weil auch hier wieder gerade an den Übergängen im Leben Bruchstellen deutlich werden, die zu Diskriminierung und Ausschluss führen können.
Diese drei Beispiele sind Punkte, an denen der Bericht ansetzen sollte, um irgendwann mal an die wirklich strukturellen Aspekte heran reicht.

Es gibt wahrscheinlich eine Reihe von Gründen, dass der Bericht zahnlos ist und nicht an die wahren Probleme angeht. Es ist aber deutlich, dass dieser Bericht ein Feld absteckt, in dem es erst jetzt mit der Konvention für die Rechte behinderter Menschen vielleicht nachhaltig etwas Leben kommt.

Deutsche Übersetzung der UN-Konvention

Die auf Deutsch so schön genannte “Behindertenrechtskonvention” (BRK) wurde mit größeren Mängeln ins Deutsche übersetzt. Gerade wichtige Konzepte wurden nicht übernommen. Gerade Inklusion fällt in der deutschen Übersetzung komplett unter den Tisch und wurde mit Integration übernommen. Wer auf der Suche nach einer guten Übersetzung ist, sollte auf den Seiten “Netzwerk Artikel 3? nachlesen. Dort ist auch eine sehr gute Schattenübersetzung (externer Link) zu finden. Die entsprechenden Stellen sind durch Hervorhebungen verdeutlicht.