Portrait des UN Sonderberichterstatters für behinderte Menschen

Herr Shuaib Chalklen rückt etwas näher an den Tisch auf der Terrasse eines Berliner Hotels heran. „Welches Land kommt in Ihren Augen der Idee der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (CRPD) heran?“ fragt er. Eine Antwort auf diese Frage kann nur ausbleiben. Ohne Umschweife fragt Herr Chalklen seine Gesprächspartnern nach der Situation von behinderten Menschen und hakt nach, wenn auch nur eine Unklarheit bestehen bleibt. Im nächsten Moment entschuldigt er sich, da eine Frau aus der Republik Moldau vorbeikommt. In einem kurzen Gespräch erkundigt er sich über die Lage im Land und ob es möglich wäre unkompliziert in das Land zu reisen. In seiner Position als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für die Rechte behinderter Menschen kann er nicht auf einen diplomatischen Pass zurückgreifen. Im Mai hatte er die schwedische Regierungsagentur für Entwicklungszusammenarbeit besucht, die ihm anbot einige osteuropäische Länder zu besuchen. Die Republik Moldau ist somit für ihn ein relevantes Ziel.

Herr Chalklen will im Laufe seiner Amtszeit die Rechte von behinderten Menschen, wie sie in den Standard Regeln und der CRPD beschrieben werden, vertreten und auf die verschiedenen internationalen Agenden bringen. Zentral ist ihm hierfür, für die CRPD zu sensibilisieren und verstärkt die Rechte behinderter Menschen in die internationale und technische Zusammenarbeit einzubringen (siehe auch seine Rede von 4. Februar 2010 bei den Vereinten Nationen). 10% aller Menschen weltweit können als behindert bezeichnet werden. Von ihnen lebt ein Großteil in Armut und in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Seiner Position wurde 2008 durch das Ökonomische und Soziale Komitee der Vereinten Nationen die Aufgabe zugeordnet, die CRPD bekannt zu machen.

Er bringt weitreichende Erfahrungen im Bereich der Berücksichtigung der Interessen behinderter Menschen in der internationalen Zusammenarbeit mit. Nach 1996 beriet er den südafrikanischen Präsidenten in Fragen, die die Rechte behinderter Menschen angehen. In den letzten Jahren war er Vorsitzender des Büros der afrikanischen Dakade für behinderte Menschen und er war bei den AdHoc Treffen für die Verhandlungen der CRPD anwesend.

Seine Erfahrungen mit der afrikanischen Dekade für behinderte Menschen sieht er kritisch. Trotz der Motivation der Menschen und vieler Staaten fehlte es an dem entsprechenden Willen die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um Inklusion zu unterstützen. Um diese Prozesse weiter in den ärmeren Ländern zu unterstützen, müssen auch Finanzen internationaler Organisationen die Belange behinderter Menschen erreichen: „Die westlichen Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit müssen sich verstärkt in diesem Bereich engagieren“.

Die finanzielle Unterstützung einer inklusiv gestalteten Entwicklungszusammenarbeit muss einher gehen mit einem Austausch von Erfahrung und Wissen. Und dieser Austausch muss gleichberechtigt zwischen allen Ländern stattfinden. Diese wird in Artikel 32 „Internationale Zusammenarbeit“ der CRPD gefordert. Auch in den Ländern Europas haben sich Strukturen verhärtet, die einer inklusiven Gesellschaft entgegen stehen.

Auf seiner Arbeitsliste steht eine Reihe von Ländern, die er in seiner Position besuchen möchte. Vor allem die Länder Ost- und Mitteleuropas mit ihren Veränderungsprozessen stehen weit oben. Aber auch Afrika mit den vielfältigen Herausforderungen will er nicht vernachlässigen. Im Frühjahr hatte er die Möglichkeit die Situation behinderter Menschen in Afrika auf einer Konferenz in Äthiopien zu diskutieren.

„Deutschland ist mir nicht unbekannt“, antwortete er auf eine Frage, „ist die starke institutionelle Struktur dort noch so, wie vor zehn Jahren?“ Diese Frage würde er sich gerne selbst beantworten. Leider musste er am 19. Juni wieder nach Südafrika reisen. Die Einladung durch eine staatliche Organisation oder Behörde würde er aber gerne annehmen und sich selbst ein Bild von der Situation hier im Land machen. Deutschland ist in seinen Augen wahrscheinlich keine Antwort auf seine anfängliche Frage, welches Land den Ideen der CRPD am nahesten kommt.


Informationen über Herrn Chalklen:
Seit Juni 2009 ist Herr Shuaib Chalklen Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für behinderte Menschen ernannt. Die Aufgaben des Sonderberichterstatters soll die Umsetzung der VN Standard Regeln für Menschen mit Behinderung überwachen. Diese Stelle wurde bisher von Herrn Bengt Lindqvist (1994-2002) und anschließend von Sheikha Hessa Khalifa bin Ahmed al-Thani (2002-2009) ausgefüllt.
Herr Chalklen ist der erste Sonderberichterstatter, der aus Afrika stammt und er übernimmt eine Aufgabe, die sich nach der Verabschiedung der CRPD anders gestaltet. Zuvor war er Vorsitzender des Büros der afrikanischen Dakade für behinderte Menschen.
Herr Chalklen graduierte 1991 mit einem BA Sozialwissenschaften von der Universität in Kapstadt. Zusätzlich studierte er in Manchester und an der Harvard Universität.

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