Umgang mit Behinderten – häufig gestellte Fragen

Viele Menschen sind unsicher, wie sie mit Menschen mit Behinderung umgehen sollen. Die Antwort ist eigentlich sehr einfach: Sie wollen nicht anders behandelt werden als andere Menschen.
In den jeweiligen Communities kursieren zahllose Anekdoten über das seltsame Verhalten Nicht-Behinderter im Umgang mit Behinderten. Es ist zum Beispiel eher sinnfrei, besonders laut oder besonders langsam mit einem Blinden zu sprechen. Es gibt einige Grundregeln, an denen man sich orientieren kann, wenn man unsicher ist.

Behinderung kein Thema für Smalltalk

Die meisten Behinderten haben kein Problem damit, über ihre Behinderung zu sprechen. Wir haben aber ein sehr feines Gespür dafür, ob sich jemand tatsächlich für die Behinderung oder für uns als Person interessiert oder nur Smalltalk betreiben möchte. Außerdem möchte niemand auf seine Behinderung reduziert werden. Man kann auch über andere Themen sprechen. Was viele überraschen mag ist die große Zahl an blinden Fußballfans. Sprechen Sie also nur über die Behinderung, wenn Sie sich tatsächlich für die Person oder die Behinderung interessieren. Es ist auch kein Problem, konkrete Fragen zu Blindenschrift, Gebärdensprache oder anderen behindertenspezifischen Themen zu stellen.

Helfen, wo nötig

Man sollte niemandem seine Hilfe aufdrängen. Es spricht nichts dagegen, jemanden zu fragen, ob er Hilfe braucht. Wenn er das verneint, sollte man es auch gut sein lassen. Blinde wirken oft ein wenig orientierungslos, wenn sie mit einem Blindenstock unterwegs sind. Meistens stimmt das aber nicht, sie suchen gezielten nach bestimmten Orientierungspunkten und müssen daher ein wenig hin und her laufen, um diese Punkte zu finden.
In jedem Fall sollte man einen Menschen nie ohne dessen Erlaubnis anfassen. Die einzige Ausnahme ist, wenn er sich offensichtlich in Gefahr befindet. In allen anderen Fällen ist unerlaubter Körperkontakt eine Verletzung der Intimsphäre, die man auch bei sich selber durch Fremde nicht zulassen würde.

Vergiftetes Lob

Manchmal ist in einem Kompliment eine Beleidigung versteckt. Wenn ich einem Blinden sage, wie toll ich das finde, dass er sich so gut orientieren kann, schwingen einige negative Botschaften mit:

  1. Blinde sind im Allgemeinen unfähig, sich selbstständig zu orientieren, du bist die Ausnahme.
  2. Wenn er auch sonst nichts kann, für irgendwas muss er gelobt werden.
  3. Blinde sind ja doch nicht total unfähig.

Vielleicht war in Wirklichkeit gemeint, ich finde es super, dass sich Menschen auch ohne Augenlicht orientieren können. Diese Formulierung wäre in dieser Situation die einzig sinnvolle, denn vor allem Geburtsblinde sind es gewöhnt, sich so zu orientieren. Ich würde auch einen 12-jährigen nicht dafür loben, dass er sich allein anziehen oder aufs Klo gehen kann.

Begleitperson

Es ist immer noch eine Unart, mit der Begleitperson zu sprechen, wenn der Behinderte eine dabei hat. Wir lernen schon im Kindergarten, dass wir nicht über anwesende Personen sprechen, als ob sie nicht da wären. Selbst bei einem Gehörlosen, der einen Gebärdendolmetscher dabei hat, sieht und spricht man den Gehörlosen selbst in der ersten Person an und nicht dessen Dolmetscher.

Politische Korrektheit

Den meisten Blinden ist es egal, ob man das Wort sehen in ihrer Gegenwart verwendet oder nicht. Nach meinem Eindruck sind es vor allem Nicht-Behinderte, die großen Wert auf politische Korrektheit legen. Der Versuch, bestimmte Begriffe zu verwenden und andere zu vermeiden blockiert die Kommunikation und lässt die Gesprächspartner verkrampfen. Bis auf die oben genannten doppel deutigen Komplimente sollte man in der direkten Kommunikation nicht ständig auf die richtige Wortwahl konzentrieren.

Fazit

Die Unsicherheit ist teilweise nachvollziehbar. Zum einen haben viele Menschen so gut wie nie direkten Kontakt mit Behinderten. Zum anderen sagt ihnen aber auch niemand, wie sie es richtig machen sollten.
Ich sehe auch uns selber in der Pflicht, stärker in die Öffentlichkeit zu gehen und den Mitmenschen so die Möglichkeit zu geben, sich an Behinderte zu gewöhnen. Daran erkennen wir aber auch, wie dringend wir eine inklusive Gesellschaft brauchen.

Lesestoff

Nicht so sondern so
Nicht so – sondern so. Kleiner Ratgeber für den Umgang mit blinden Menschen des DBSV als PDF
Bei Not quite like Beethoven oder Die Welt mit den Augen sehenliest man einiges über die Schwierigkeiten von Gehörlosen
Im Blog Realitätsfilter gibt es einige interessante Beiträge zum Autismus

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